Eine Geschichte von unserer Freundin Sylvia Lietsch aus Eibau

Das Schöllkraut ...

... es wächst überall, in jeder Ecke. Rechts und links neben der Garagentür, neben der Eingangstür, entlang der Hauswand im Hof. Und als ich genauer hinsehe, erspähe ich die jungen Blättchen an vieleb weiteren Stellen.

War das nicht das Kraut mit dem gelben Saft, das Flecke in der Hose machte, von denen Mutter und Großmutter wenig begeistert waren? Das Kraut, welches die Großmutter mit einem geheimnisvollen Spruch auf Warzen tupfte, die in kurzer Zeit wie von Geisterhand verschwanden?
Seltsam, ich habe schon viele Jahre keine Warzen mehr gehabt. Was also will das Schöllkraut mir sagen?

Ich suche mir eine besonders große Pflanze, die fast schon ein kleiner Busch ist und viele gelbe Blüten hat. Sie ist neben der Tür zum Holzschuppen gewachsen, viel größer als alle anderen und sie scheint diese Stelle zu mögen. Die Sonne scheint und lässt die Blüten fast golden schimmern. Vorsichtig streiche ich mit der Hand über Blüten und Blätter, achtsam darauf bedacht, die Pflanze nicht zu verletzen.
Angestrengt überlege ich dabei, was ich alles über das Schöllkraut weiß. Viel fällt mir nicht ein. Außer, dass ich mich als kleines Mädchen gern mit dem gelben Saft beschmiert habe und mich dabei immer wie die Goldmarie fühlte. Dafür nahm ich sogar das Schimpfen von Mutter oder Großmutter in Kauf. Giftig soll es sein, wurde mir immer gesagt. Und ich glaube mich zu erinnern, dass der Großvater Bündel davon im Stall aufgehängt hatte, um die Kaninchen und Schafe vor Krankheiten und bösen Geistern zu schützen. Eine Schutzpflanze also. Kein Wunder, dass sie in den beiden letzten Jahren so üppig gewachsen ist.
Schließlich erscheint noch ein weiteres Bild in meinem Kopf: Ich sehe, wie die Großmutter zu einem großen Busch Schöllkraut geht, verschiedene Teile abschneidet und später einen Sud davon bereitet. "Das hilft gegen schlimmes Bauchweh bei Erwachsenen“, höre ich sie sagen. Ein paar Tage später ertappt sie mich, wie auch ich bei dieser Pflanze stehe und sie frage, ob ihre Blüten auch mein Bauchweh heilen können, oder ob ich lieber eines ihrer Blätter nehmen sollte. Doch statt der Pflanze antwortet die Großmutter: „Keins von beiden. Du bekommst etwas anderes gegen Bauchweh. Diese Pflanze ist nur für Erwachsene und für weise Frauen, die heilen können.“
„Werde ich das später auch können, so wie du?“ fragte ich damals neugierig. Die Antwort blieb mir die Großmutter jedoch schuldig.

Während ich nun weiter nachdenke, färben sich meine Hände mit dem gelben Saft. Es scheint, als wolle mir das Schöllkraut heute antworten: „Ich bin der Helfer der Heiler und Zauberärzte, all derer, die Warzen besprechen, und von all den Weisen, die das, was krank macht, abwenden können.“
Ich betrachte meine gefärbten Hände. Sind das heilende Hände? Und - hatte nicht irgendwann einmal jemand behauptet, in jedem von uns wohnt ein Heiler?

Auf der Pflanze hat sich dort, wo ich in Gedanken versunken ein Stück abgebrochen habe, ein großer gelber Tropfen gebildet. Die Sonne lässt ihn wie einen kleinen Goldnugget aussehen. Und dann ist da eine Stimme in meinem Kopf, die leise flüstert: „Ich bin die Goldwurzel. Wenn du noch an Wunder glaubst, dann wird aus meinem gelben Saft Gold und aus deinen Visionen Realität. Glaube an ein Wunder, dass aus dem Nichts kommt. Und bist du einmal verwirrt oder unklar mit deinen Gedanken, dann komm einfach zu mir. Ich werde deinen verblendeten Geist klären, damit die Gedanken wieder klar werden und dein Geist Neues kreieren kann.“

Gedankenverloren rieche ich an der Pflanze und an meinen Händen. Der Geruch, den ich als Kind abstoßend fand, fasziniert mich in diesem Moment. Riecht so Gold? Oder ist es schon der Duft eines kleinen Wunders?
Eine weiße Feder schwebt lautlos in das Grün des Schöllkrautes, verfärbt sich ein wenig an der verletzten Stelle, so als wolle sie mir zeigen, wie einfach es ist, Veränderungen herbeizuführen.

Später lese ich über Maria Treben und ihre Entdeckung, dass Wirkstoffe von Schöllkraut unkontrolliertes Zellwachstum stoppen kann.

 

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