Eine Geschichte von unserer Freundin Sylvia Lietsch aus EibauHolunderblüten

Hast du schon einmal versucht, einen wilden Holunderbusch auf deinem Grundstück oder im Garten anzusiedeln? Ich habe es bereits mehrmals probiert – erfolglos.
Und heute, während einer Runde über mein Grundstück, entdecke ich ihn – an einer Stelle, an der ich es schon mit so vielen Stecklingen versucht hatte. Ich hielt es immer für einen Mythos, wenn meine Großmutter erzählte, dass Holunder nur dort wächst, wo es die Erdgöttin für wichtig hält.

Wusstest du, dass Frau Holle als Erdgöttin gilt? Frau Holle, die hoch oben die Betten schütteln soll, damit der Schnee vom Himmel fällt. Das Märchen und der Holunderbusch, sie begleiten mich seit Kindertagen und haben noch heute etwas Magisches.

Großmutter riet mir, wo auch immer ich an einem Holunderbusch vorbeikäme, ihn stets zu grüßen. Die Erdgöttin würde es mir danken und mich immer und überall beschützen. Denn nur, wenn man sie ehrt und achtet, ließe sie einen Busch zum Schutze wachsen.
Als kleines Mädchen bewunderte ich oft den üppigen Busch, der genau neben Omas Haus wuchs, und versteckte mich so gern unter einem weiteren an der Grundstücksgrenze. Es schien, als hätte mir Frau Holle dort ein kleines Versteck gebaut, das im Frühjahr nach den weißen Blüten duftete, die wie winzige Schneeflocken auf mich herabfielen. Im Sommer turnten die Meisen durch die grünen Zweige und im Herbst warfen die Vögel manchmal die schwarzen Beeren auf mich herunter.

Der heilige Holunder, so erklärte die Großmutter, sei wie eine Hausapotheke. Seine Blüten halfen gegen Husten und Erkältungen und ich bekam den Tee oder Sirup, wenn ich fiebrig im Bett lag. „Lieber Herr Flieder, ich geb dir mein Fieber“, war der Zauberspruch, den die Großmutter dann oft wie ein kleines Mantra an meinem Bett vor sich hin betete.

War jemand sehr krank, bekam er ein Amulett aus dem Holz oder einfach nur einen kleinen Zweig, damit die Kraft des Holunders alles Negative und Schwere, alles Krankmachende vertreiben konnte. Die magischen Kräfte der Erdgöttin sollten alles Übel beseitigen und abhalten. Die helle weiße Energie der Blüten, so versprachen die Alten, könne alles Dunkle besiegen. Dazu brauchte man sich nur zum Holunder stellen, einige Blütendolden in ein reinigendes Bad geben oder diese zum Räuchern verwenden.

Ich kann mich auch noch erinnern, dass ich der Großmutter nachschlich, als eine Nachbarin ihr Kind geboren hatte und Großmutter danach etwas im Garten vergrub. Erst später erklärte sie mir, dass der heilige Holunder Kinderseelen schützt, wenn die werdende Mutter ihn darum bittet. Er sei deshalb auch der Baum der Geburt. Vergräbt man später die Nachgeburt unter ihm, dann könne man am Wachstum des Holunders vorhersehen, wie sich das Kind entwickelt.
Jahre später, als meine Großmutter im Sterben lag, bat sie mich, einen Holunderzweig für sie zu holen. Sie wolle mit der Erdgöttin sprechen, sagte sie. Ich musste ihr auch versprechen, diesen Zweig mit in den Sarg zu legen. Also stapfte ich durch hohen Schnee an die Grundstücksgrenze zum großen Holunderstrauch. Nackt und kahl stand er da und ich erinnerte mich, wie ich einst unter ihm saß und mich von ihm behüten ließ. Und dann war da eine Stimme, die leise flüsterte: Ich helfe über alle Schwellen. Die Schwelle der Geburt in diese Welt und die Schwelle, die ihr Tod nennt, zurück in meinen Schoß, in die Anderswelt. Ich bin die weiße Göttin mit der Leichtigkeit des Frühlings und der Jugend. Ich bin die rote Göttin mit der Kraft des Lebens und auch die schwarze Göttin, die alte Weise, die Hüterin der Seele dieser Erde. Als diese geleite ich nun nach unten, in den Bauch von Mutter Erde und sorge dort wieder für Schutz und Geborgenheit und verströme meine mütterliche Liebe.

Und so ist der Holunder für mich eine magischer Strauch geblieben, zu dem ich mich zurückziehe, wenn ich Geborgenheit suche oder Rat brauche. Ich lasse mich auch gern von ihm beschenken, mit den Blüten im Frühjahr und seinen Beeren im Herbst – helfend, heilend und vor allem köstlich.

reife Holunderbeeren Ende August

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